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Seemannschaft & Navigation

Festsitzender Anker: Schnelle Befreiung mit einfachen Kniffen

Wenn der Anker hält, hält er. Wenn er festsitzt, hält er auch – nur leider genau das, was wir nicht wollen.

Festsitzender Anker: Schnelle Befreiung mit einfachen Kniffen

Und das, wie die Praxis zeigt, immer dann, wenn der Wind auffrischt, der Nachbar an der Mooring ganz genau hinschaut und die Crew schon die Hand am Schalter der Ankerwinde hat.

Die Versuchung kennt jeder, der länger als eine Saison unterwegs ist: Maschine vor, Kette stramm, Hebel auf den Vollgasanschlag. Wir reißen am Pützeisen, bis die Relingsstütze ächzt, und wundern uns, warum der Grund nicht nachgibt. Das ist keine Seemannschaft, das ist Kraftmeierei auf See, und sie endet zuverlässig in einer von zwei Sorten Schäden – einer gebrochenen Kette oder einem abgerissenen Anker. Beides wäre zu vermeiden gewesen.

Ein festsitzender Anker ist kein Gegner, den man mit Lautstärke bezwingt. Er ist ein Kollege, der sich irgendwo da unten in einer Felsspalte, einer alten Mooring oder im eigenen Sog verfangen hat. Wer das verstanden hat, geht die Sache anders an: mit System, mit Geduld und mit dem richtigen Winkel. Die folgenden Methoden sind in dieser Reihenfolge zu denken – nicht weil die erste die einfachste ist, sondern weil sie die schonendste ist. Wer die Stufen überspringt, wird meistens mit kaputtem Material belohnt.

Vertikal über dem Anker: das schonendste Manöver

Der erste und mit Abstand am häufigsten unterschätzte Handgriff heißt: das Boot direkt über den Anker fahren. Klingt banal, wird aber selten gemacht. Die meisten Skipper denken in der Vertikalen, nicht in der Horizontalen – sie versuchen, den Anker einfach nach oben zu ziehen, statt ihn aus seiner Verklammerung herauszuheben.

Das Manöver im Detail: Mit der Maschine langsam über die Ankerposition fahren, bis die Kette im Ankerkettengatt und an der Bugklampe senkrecht nach unten läuft. In dieser Position die Kette straff holen, an der Klampe fixieren und der Schiffsbewegung das Wort überlassen. Eine sanfte Welle, ein kurzer Schub mit der Maschine vorwärts, das natürliche Schaukeln der Yacht – irgendetwas davon löst in der Mehrzahl der Fälle den Anker aus seinem Sog.

Dass das funktioniert, hat einen simplen physikalischen Grund: Die meisten Anker, die „festsitzen“, sitzen gar nicht fest. Sie kleben. Die Flunken haben sich in den Grund gesogen und halten den Anker durch Vakuum. Solange die Kette in einem Winkel nach oben zieht, bleibt der Anker in genau dieser Verkeilung. Erst der senkrechte Zug bricht das Vakuum – daher der alte Schiffer-Spruch, dass man den Anker „hoch und nicht quer“ befreit.

Wer in einer Bucht ankert, deren Boden aus mittlerem Sand besteht, hat mit dieser Methode die größten Erfolgschancen. Schlick und Klei verhalten sich noch gnädig, weil sie nachgeben. Schwieriger wird es, wenn der Anker unter einer harten Kante liegt: dort hilft vertikales Ziehen nichts mehr, weil die Flanke gegen den Anker drückt und ihn festhält. An dieser Stelle wechseln wir das Werkzeug.

Ein festsitzender Anker lässt sich nicht mit mehr Gas, sondern mit mehr Winkel lösen. Senkrecht ziehen – dann brechen die meisten von alleine.

Hier zeigt sich auch, warum ein eingefahrener Skipper bei Charteryachten ruhiger reagiert als ein Anfänger: Er weiß, dass die Kette nicht der Anker ist, sondern nur der Überträger. Die Energie, die den Anker befreit, soll aus dem Rumpf kommen, nicht aus der Winde.

Die Gripp-Leine: Vorbereitung, die keiner bereut

Wird der vertikale Zug nichts, weil der Anker unter einer Felsplatte, einer quer liegenden alten Mooring oder einem Wrackteil hängt, kommt die Gripp-Leine (auch Trippleine) ins Spiel. Sie ist in einer gut sortierten Backskiste das, was der Fangkeil im Werkzeugkasten ist: selten benutzt, aber im entscheidenden Moment nicht zu ersetzen.

Die Trippleine ist eine relativ dünne, aber zugfeste Leine, die am Auge der Ankerkrone angeschäkelt wird. Idealerweise bringt man sie schon beim Setzen des Ankers mit aus – also bevor das Drama überhaupt beginnt. Das Ausbringen geschieht mit dem Beiboot, wobei die Leine parallel zur Ankerkette gefiert und am Ende mit einer Boje markiert wird. Als Faustregel für die Länge gilt: die dreifache Wassertiefe. Bei sechs Metern Tiefe also achtzehn Meter Leine – kürzer ist Spielerei, länger verschlingt unnötig Volumen im Bojenkasten.

Was beim Bergen passiert: Wenn der Anker unter dem Hindernis hängt und die Hauptkette alleine nicht weiterwill, sucht man die Boje der Trippleine, nimmt sie an Bord und zieht mit der Handkraft in die Richtung, die der ursprünglichen Eingriffswirkung entgegengesetzt ist. Mit dem richtigen Hebelarm dreht man den Anker aus seiner Verhakung heraus und kann ihn anschließend mit der Hauptkette problemlos aufnehmen.

Wird die Gripp-Leine erst nachträglich angebracht, weil der Anker bereits hängt, steigt der Aufwand erheblich. Ein Helfer muss mit dem Heck über die Boje fahren, eine schwere Leine durchschäkeln und dann kontrolliert rückwärts ziehen. Ohne ordentliche Vorbereitung wird das schnell ein Tauziehen mit dem eigenen Rumpf – das keiner gewinnt. Deshalb: Trippleine gehört zur Ausrüstung, nicht in die Reserve.

Trippleine-Checkliste:

1. Leine am Auge der Ankerkrone anschäkeln, bevor der Anker fällt.

2. Länge = 3 × Wassertiefe, plus Sicherheitszuschlag für Tide und Wellen.

3. Beim Setzen mit dem Beiboot parallel zur Ankerkette ausbringen, niemals quer.

4. Am freien Ende eine kräftige Boje mit Reflektor und Schiffsname anbringen.

5. Vor jedem Anker-Aufnehmen prüfen, ob die Boje sichtbar und nicht vertörnt ist.

Fremde Ketten unterfangen: Technik mit Etikette

Es gibt eine eigene Sorte Ankerproblem, die besonders in beliebten Buchten und in der Hochsaison jeden erwischt, der unsauber ankert: die fremde Kette im eigenen Anker. Man zieht, zieht, zieht – und plötzlich taucht neben der eigenen eine zweite Kette auf, die nicht die eigene ist. Spätestens jetzt beginnt nicht nur ein technisches, sondern auch ein diplomatisches Problem.

Wer jetzt einfach weiter zieht, hebelt entweder den fremden Anker aus dem Grund oder reißt den eigenen ab. Beides endet in Versicherungspost und schlechter Stimmung auf beiden Yachten. Der saubere Weg ist das sogenannte Unterfangen und funktioniert so:

  • Die eigene Kette wird auf Spannung gebracht – am besten mit der Maschine stehend über dem Anker.
  • Eine kurze, kräftige Hilfsleine (eine Reserve-Ankerleine, im Notfall auch eine starke Schot) wird um die fremde Kette geschlungen und an einer freien Klampe fixiert.
  • Die eigene Kette wird kontrolliert gefiert, sodass der eigene Anker unter der fremden Kette zurück in die Tiefe rutscht.
  • Durch erneutes Aufnehmen der eigenen Kette kann der eigene Anker seitlich unter der fremden Kette herausgezogen werden.

Das ist kein Akt von fünf Minuten. Es braucht zwei Helfer, eine ruhige Hand am Schalter der Ankerwinde und gute Sicht vom Bug. Aber es funktioniert sauber, und Sie können anschließend dem freundlichen Skipper der Nachbaryacht in die Augen sehen, ohne rot zu werden. Wer es eilig hat, dem sei gesagt: in einer belebten Bucht ist Diplomatie die schnellere Lösung. Anlegen, Kaffeepötte austauschen, Mooring gemeinsam klären – manches löst sich an der Boje besser als am Bug.

Die Ankerwinde in Schach: Rhythmus statt Dauerlast

Wenn der Anker erst mal hängt, geht der Blick meist reflexhaft zur Ankerwinde. Das ist auch richtig so – eine elektrische Ankerwinde ist zum Heben da. Nur nicht so, wie viele Segler sie benutzen.

Eine elektrische Ankerwinde ist nicht für Dauer-Vollgas-Zug konstruiert, auch wenn der Schalter das suggeriert. Wer mit eingelegter Kette und Vollgas versucht, einen verhakten Anker mit Gewalt aus dem Grund zu brechen, der brennt nicht nur die Motorschütze der Winde durch, sondern riskiert auch, den Anker immer tiefer in den Boden zu rammen – bis am Ende gar nichts mehr geht.

Die bewährte Methode heißt rhythmisches Entlasten:

  • Maschine im Leerlauf mit rund 1.500 bis 1.800 U/min laufen lassen.
  • Kette kurz an der Winde anholen, bis sie greift.
  • Winde sofort wieder abkoppeln und mit der Maschine ein bis zwei Meter zurücknehmen.
  • Wieder koppeln, kurz ziehen, wieder ablassen, wieder koppeln.

Durch den wiederholten Richtungswechsel kippt der Anker bei jedem Zug ein Stück aus seiner Lage. Das ist die gleiche Logik wie beim Lösen einer festsitzenden Schraube: nicht stures Rechtsdrehen, sondern hin und her. Die Winde bleibt in einem Lastbereich, den sie verkraftet, und der Rumpf arbeitet aktiv mit, statt sich gegen die Winde zu verspannen. Wer dabei auf das Geräusch der Winde hört, merkt schnell, wann der Kupplungsschlitten zu rutschen beginnt – das ist das Signal, einen Schritt zurückzugehen.

MethodeAufwandEignet sich fürHauptwerkzeugGrößtes Risiko
Vertikales ManövrierengeringAnker im Sog, sauberer GrundBoot + Maschinesehr gering
Trippleine (Gripp-Leine)mittelAnker unter Fels, Wrack, alter MooringLeine + Beiboot + Bojegering
Fremdkette unterfangenhochzweite Kette im eigenen AnkerHilfsleine + freie Klampemittel (Nachbarschaft)
Rhythmisches WindenmittelAnker unter Last in winden-tauglicher Tiefeelektrische Ankerwindemittel (Winden-Verschleiß)
Richtungswechsel von hintenmittelAnker in fester EingriffsrichtungMaschine + ggf. Hilfsleinegering

Gegen die Eingriffsrichtung: den Anker von hinten ziehen

Wenn alle sanften Methoden nichts bringen, hilft nur noch eines – die Richtung des Zugs umkehren. Jeder Anker hat sich in einer bestimmten Position in den Grund gefressen. Diese Position können wir uns zwar nicht anschauen, aber wir können sie uns aus dem Kettenverlauf zurückrechnen – und dann genau in die entgegengesetzte Richtung ziehen.

In der Praxis heißt das: Die Maschine legt das Boot quer zum Anker in eine Position, aus der die Kette nicht zum Anker zieht, sondern weg von ihm. Mit dieser Geometrie wird die Kette über die Bugklampe gesichert und die Maschine vorsichtig auf Zug gebracht. Die Ankerwinde kann gleichzeitig leicht unterstützen – aber bitte im Rhythmus, nicht im Dauerfeuer. Der Anker wird aus seinem Eingriff nach hinten herausgehebelt, als würde man einen Haken aus einem Ast ziehen, statt ihn durchzuziehen.

Bei dieser Methode hilft vor allem Erfahrung: Wer mehrere Saisons in wechselnden Revieren ankert, lernt mit der Zeit, beim Setzen bereits zu ahnen, wohin sich der Anker später neigen wird. Eine alte Regel, die sich bewährt hat: Den Anker immer so ausbringen, dass die Kette auf dem kürzesten Weg zum Boot läuft. Macht die Kette einen Bogen oder steht quer, ist die Wahrscheinlichkeit eines Hakens deutlich höher. Wer diese Geometrie konsequent einhält, hat die wenigsten Notfälle – auch wenn ihm das auf den ersten Blick wie Pedanterie vorkommt.

Vorbereitung schlägt Heldentat

Wer in unschönen Situationen schnell und ohne Schaden reagiert, hat vorher ruhige Stunden in der Vorbereitung verbracht. Das klingt langweilig, ist aber wahr – und erspart am Ende genau jene zwei Stunden im Schweiß, die ein halbherzig gesetzter Anker in einer unruhigen Nacht verursachen kann.

Zur Vorbereitung gehören:

  • eine sauber angeschäkelte Trippleine am Anker, bevor er fällt;
  • eine sichtbar markierte Boje mit Reflektor und Schiffsname;
  • eine Rolle Reserve-Leine in der Backskiste – drei Meter dünn, dreißig Meter mittel, eine echte Schleppleine für den Ernstfall;
  • eine kurze Einweisung der Crew vor jedem Ankermanöver: wer steht wo, wer bedient die Winde, wer beobachtet die Kette;
  • und als oberste Regel das Vertrauen darauf, dass Manövrieren schneller löst als Maschine.

Wer das beherzigt, wird in der nächsten Bucht ganz entspannt seinen Kaffee trinken, während der Nachbar im Schritttempo mit Vollgas gegen seinen Anker kämpft. Wir sehen uns dann an der Boje – beim traditionellen Klönschnack über die Güte unseres jeweiligen Grundgeschirrs.

Und falls doch einmal ein Tauchgang nötig wird: Ruhe bewahren, den nächsten Hafen informieren, das Equipment in Ruhe kontrollieren. Patina am eigenen Können bekommt man nur durch Wiederholung. Beim nächsten Anker wird alles etwas runder laufen. Versprochen.

Häufige Fragen

Warum sollte man den Anker senkrecht nach oben ziehen?
Viele Anker sitzen nicht fest, sondern kleben durch ein Vakuum im Grund. Senkrechter Zug bricht dieses Vakuum und löst die Verkeilung.
Wie lang muss eine Trippleine sein?
Als Faustregel gilt die dreifache Wassertiefe. Bei sechs Metern Tiefe sollten also achtzehn Meter Leine ausgebracht werden.
Was ist beim Unterfangen einer fremden Kette zu beachten?
Die eigene Kette wird auf Spannung gebracht, dann wird die fremde Kette mit einer Hilfsleine gesichert. Anschließend wird die eigene Kette gefiert, um den Anker unter der fremden Kette hindurchzuziehen.
Wie vermeidet man Schäden an der elektrischen Ankerwinde?
Vermeiden Sie Dauer-Vollgas-Zug. Nutzen Sie stattdessen rhythmisches Entlasten, bei dem die Winde kurz anholt und die Maschine das Boot ein bis zwei Meter zurücksetzt.
Was tun, wenn der Anker unter einer Felsplatte feststeckt?
In diesem Fall hilft vertikales Ziehen oft nicht weiter. Hier ist eine Trippleine erforderlich, um den Anker entgegen der ursprünglichen Eingriffsrichtung aus der Verhakung zu drehen.