Schwergängige Winschen: Schnelle Wartung mit wenig Aufwand
Eine Winsch auf einem Segelboot, die sich anfühlt wie ein rostiger Fahrradnabenmotor aus dem letzten Jahrtausend, ist kein Charakterzug des Schiffes — sie ist eine tickende Zeitbombe.

Ich sage das ohne jede Dramatik, nach mittlerweile vierzig Jahren auf den verschiedensten Decks: Was viele Bordbewohner als „Patina alter Technik" abtun, ist in Wahrheit eine schlichte Materialfrage. Altes Fett, Salz und Schmutz haben sich über die letzten Saisons zu einer Schleifpaste verbunden, die dir langsam die Lager zerreibt. Das ist weder ein Fall für den nächsten Werftaufenthalt noch für ein Wundermittel aus der Spraydose — es ist eine Aufgabe für ein paar ruhige Stunden an der Werkbank, mit dem richtigen Werkzeug und einer Tasse Kaffee in Reichweite.
Warum verharztes Fett zur Gefahr für die Crew wird
Eine schwergängige Winsch ist nicht in erster Linie ein Komfortproblem. Wenn das Schmierfett in den Zahnrädern altert, verliert es seine Konsistenz — es wird zäh, klebrig, zieht Staub und Salz an. In den Ecken und Nuten der Trommel bildet sich eine Mischung, die unter Last wie Schleifpaste wirkt. Die Folge: erhöhter Verschleiß an Lagern und Zähnen, irgendwann spürbares Spiel, und im schlimmsten Fall eine Winsch, die unter Belastung nicht mehr greift.
Die andere Hälfte ist die Sicherheit. Wenn die Sperrklinken — jene kleinen, federgelagerten Zungen, die das Rückwärtsdrehen der Trommel verhindern — durch altes Fett verkleben, rasten sie nicht mehr sauber ein. Du merkst das oft erst, wenn es zu spät ist: Die Winsch dreht unter Last rückwärts, die Kurbel peitscht herum, und im Ernstfall trifft sie jemanden am Kopf oder an der Hand. An Bord einer Fahrtenyacht, unter Schräglage und mit dem nächsten Brecher im Nacken, ist das kein theoretisches Risiko, sondern eine ganz reale Gefahr.
Was im Inneren passiert
Die meisten Winschen — Lewmar, Harken, Andersen, Antal, auch die alten Barients — arbeiten nach demselben Prinzip: ein Zahnkranz treibt die Trommel, eine oder zwei Sperrklinken blockieren die Rückwärtsdrehung, Federn halten die Klinken in Position. Die Zahnräder brauchen Fett, weil sie hohe Kräfte übertragen und Feuchtigkeit aushalten müssen. Die Sperrklinken brauchen Öl, weil Fett sie verkleben und ihre Bewegungsfreiheit einschränken würde. Soweit die Theorie. In der Praxis sieht es so aus, dass irgendjemand — oft der Vorbesitzer, oft der gutmeinende Mitsegler — „einfach mal überall ein bisschen Fett draufgesprüht" hat. Mit der Zeit wandert dieses Fett in die falschen Bereiche, vermischt sich mit Salz und zieht Schmutz an. Aus dem pflegenden Schmierstoff wird ein Bremsklotz.
Diagnose: Wenn das Klicken der Sperrklinken verstummt
Eine gesunde Winsch klickt. Immer. Beim Drehen ohne Last, unter Schräglage, beim Hieven — das rhythmische Tack-Tack-Tack ist dein Frühwarnsystem. Wenn es verschwindet, ist die Winsch kein Ausrüstungsgegenstand mehr, sondern ein Fall für die Werkbank.
Bevor du die Winsch zerlegst, lohnt sich ein kurzer Funktionstest. Häng eine Schot ein, belaste die Trommel leicht und dreh ohne Last. Du hörst es sofort, wenn etwas nicht stimmt:
- Stilles Gleiten statt Klicken — die Sperrklinken rasten nicht mehr ein. Das ist der gefährlichste Zustand, weil die Winsch unter Last rückwärts laufen kann. Ursache ist fast immer verklebtes Fett auf Klinken und Federn.
- Doppelklicken oder unregelmäßiges Rattern — eine Klinke rastet, die andere nicht. Hinweis auf verschlissene Federn, verbogene Klinken oder beides.
- Kratzendes Geräusch beim Drehen — das Fett in den Zahnrädern ist verharzt und wirkt mit Salz als Schleifpaste. Die Winsch fühlt sich zäh an.
- Spiel in der Achse — die Trommel wackelt seitlich. Das deutet auf verschlissene Lager hin; die Winsch muss zerlegt und genauer inspiziert werden.
Wenn die Winsch nur „etwas schwergängig" ist, das Klicken aber noch sauber kommt, reicht oft eine Reinigung und neue Schmierung. Wenn das Klicken unzuverlässig ist, gehört die Winsch auf den Tisch.
Die richtige Reihenfolge
Ich mache es immer so: erst die Winsch vom Deck abnehmen, dann zerlegen. Andersherum riskierst du, dass dir Kleinteile ins Bilge fallen. Eine kleine Sperrklinkenfeder im Bilgewasser zu bergen, gehört zu den weniger erfreulichen Aspekten des Bordalltags. Beim Abschrauben der Zentralmutter liegt darunter meist eine Distanzhülse und eine Unterlegscheibe — die Teile direkt in eine Pütz oder eine kleine Schale legen, dann kann nichts mehr verschwinden.
Schritt-für-Schritt: Zerlegen und gründliche Entfettung
Was du brauchst:
- Schraubendreher, passend zu deinen Winschen (Schlitz und Kreuz)
- Spitzzange
- Kleiner Pinsel oder alte Zahnbürste
- Lösungsmittel: Petroleum, Reinigungsbenzin, Diesel oder ein handelsüblicher Entfetter
- Saubere, fusselfreie Lappen (Mikrofasertuch oder alte Baumwollhemden)
- Wasserbeständiges Winschenfett, niedrige Viskosität
- Dünnviskoses Öl: Nähmaschinenöl oder Ballistol
- Einen Becher für die Kleinteile
- Geduld, eine Tasse Kaffee und gutes Licht
Schritt 1: Winsch vom Deck lösen
Zentralmutter oben lösen, Winsch vom Sockel heben. Vorsicht: die darunterliegenden Distanzhülsen und Unterlegscheiben verschwinden im falschen Moment in die Tiefe. Ich lege immer ein altes Handtuch unters Gatt, dann fängt es zumindest das Gröbste auf. Die Winsch kommt mit an den Tisch — Küchentisch geht notfalls, Werkbank ist besser. Zeitungspapier oder eine Plane darunter, denn verharztes Fett hat die unangenehme Eigenschaft, überall dorthin zu kriechen, wo du es nicht haben willst.
Schritt 2: Trommel und Innereien zerlegen
Bei den meisten Winschen ist die Demontage mit etwas Logik und ohne Spezialwerkzeug möglich. Es beginnt meist mit einer oder zwei Schrauben oder einem Rastmechanismus am oberen Ende der Trommel. Von dort arbeitest du dich nach unten durch:
1. Oberer Deckel oder Rastring
2. Trommel selbst (greift in den Zahnkranz)
3. Zahnkranz mit Achse
4. Sperrklinken und Federn (sitzen im Sockel oder einer eigenen Halterung)
5. Sockel mit Stehbolzen
Mach dir vorher ein Foto oder eine Skizze, wie die Teile zusammensitzen. Ich weiß, das klingt nach Binsenweisheit, aber die meisten „kleinen Servicearbeiten" eskalieren, weil am Ende drei Teile übrig sind, die nirgends mehr hinpassen.
Schritt 3: Reinigung — hier entscheidet sich alles
Jedes Teil kommt einzeln in den Becher mit Lösungsmittel. Petroleum ist mein Favorit — es löst verharztes Fett zuverlässig, ist nicht so aggressiv wie Reinigungsbenzin, und der Geruch erinnert wenigstens entfernt an eine echte Werkstatt statt an eine Apotheke. Reinigungsbenzin oder Diesel tun es aber auch. Kriechöl oder ein Allzweckspray gehört nicht in diese Liste: Es entfernt kein verharztes Altfett, sondern verteilt es höchstens noch besser in den Ritzen.
Mit der Zahnbürste oder dem Pinsel gehst du über jedes Bauteil:
- Zahnkranz: jede Zahnlücke einzeln.
- Sperrklinken: Auflagefläche und Federaufnahme.
- Lager: Innen- und Außenring.
- Achse: rundum.
Eine Winsch ist kein Hochpräzisionsinstrument. Grobe Verschmutzung erkennst du auch ohne Lupe. Aber übersieh keine Ritze — dort sitzt der Schmutz, der beim nächsten Törn wieder Ärger macht.
Wische alles trocken, bevor du mit dem Schmieren anfängst. Lösungsmittelreste vertragen sich nicht mit frischem Fett.
Schritt 4: Sichtkontrolle
Bevor du wieder zusammenbaust, schau dir jedes Teil genau an:
| Bauteil | Worauf achten | Reaktion |
|---|---|---|
| Zähne | Abgeflacht oder ausgebrochen | Tausch über Fachhandel, nicht weiterpfuschen |
| Sperrklinken | Spitzen abgenutzt, noch elastisch? | Abgenutzte Klinken ersetzen |
| Federn | Noch federnd, oder müde und verbogen? | Müde Federn ersetzen |
| Lager | Spiel, Riefen, sichtbarer Einlauf | Tausch, sonst hilft nur Fett nicht |
| Sockel | Risse, Korrosion, Verformung | Bei Rissen: Winsch sofort außer Dienst |
Ein gerissener Sockel unter Last ist ein Sicherheitsrisiko, da gibt es nichts zu diskutieren.
Die goldene Regel der Schmierung: Trennung von Fett und Öl
Fett gehört in die Zahnräder und auf die Lager. Öl gehört auf die Sperrklinken und Federn. Wer diese Trennung nicht beachtet, baut sich eine Winsch, die im besten Fall nur klemmt — und im schlimmsten Fall unter Last nachgibt.
Diese Regel ist so alt wie die Winsch selbst, und trotzdem wird sie an Bord regelmäßig missachtet. Ich habe schon Yachten gesehen, auf denen jemand großzügig „Winschenfett" auf alles gesprüht hat, inklusive Sperrklinken. Das Resultat: nach einer Saison klebten die Klinken fest, und der Eigner wunderte sich, warum sich die Genua beim Hieven wieder von selbst abwickelte. Eine schotwinsch klemmt eben nicht „von allein" — sie klemmt, weil ihr jemand die falsche Pflege angedeihen lässt.
Fett: wo und wie
Wasserbeständiges Winschenfett — niedrige Viskosität, speziell für den Maritimbedarf — kommt dünn auf:
- Zahnräder und Zahnkranz
- Lager (Achslager, ggf. Rollenlager im Sockel)
- Gewinde der Zentralmutter, damit die sich beim nächsten Mal wieder lösen lässt
Wichtig: dünn heißt dünn. Eine Speckschicht zieht Schmutz an. Mit dem Finger oder einem kleinen Spatel das Fett in die Zahnlücken einarbeiten, sodass jede Berührungsfläche benetzt ist, aber kein Überschuss stehen bleibt.
Öl: nur hier
Dünnviskoses Öl — Nähmaschinenöl oder Ballistol haben sich bewährt — gehört auf:
- Sperrklinken: Auflagefläche und Scharnier
- Sperrklinkenfedern: ein Tröpfchen, mehr nicht
- Rastmechanismus am oberen Trommelende, falls vorhanden
Fett hat auf den Klinken nichts zu suchen. Das ist keine Geschmacksfrage, sondern eine Sicherheitsfrage.
Funktionstest vor dem Einbau
Bevor du die Winsch zurück aufs Deck setzt, dreh sie in der Hand. Die Trommel muss gleichmäßig laufen, das Klicken der Klinken muss bei jeder Umdrehung kommen — gleichmäßig, nicht doppelt, nicht aussetzend. Wenn etwas hakt: nochmal zerlegen. Lieber eine Stunde mehr in der Werkbank als eine böse Überraschung beim nächsten Reff.
Wartungsintervalle für den zuverlässigen Betrieb auf Langfahrt
Wie oft du eine Winsch zerlegen und durchschmieren musst, hängt von drei Dingen ab: Nutzungsintensität, Klima und Hersteller.
| Hersteller / Nutzung | Empfohlenes Intervall |
|---|---|
| Andersen | Etwa alle zwei Jahre, bei starker Nutzung jährlich |
| Lewmar (offizielles Schema) | 2–3 Sichtkontrollen pro Saison, 1 vollständige Wartung vor oder nach der Saison |
| Harken | Je nach Modell einmal pro Saison bis alle zwei Jahre |
| Intensive Langfahrt, viel Salzwasser | Eher zur kürzeren Frequenz tendieren |
Was heißt „Sichtkontrolle"? Trommel abnehmen — oft genügt es, den oberen Deckel zu lösen und nachzuschauen, ob die Klinken noch sauber einrasten und ob Fett noch vorhanden ist. Das dauert zehn Minuten und erspart dir in vielen Fällen die Vollwartung.
Der Rhythmus, der sich bewährt hat
Ich mache es seit Jahren so, und es hat sich auf allen Törns bewährt:
- Vor der Saison: Winschen zerlegen, reinigen, neu schmieren. Wenn du das im Wasser liegend machst, plane einen ruhigen Hafentag ein.
- Während der Saison: Einmal im Monat Sichtkontrolle, ggf. einen Tropfen Öl auf die Klinken. Wenn eine Winsch plötzlich kratzt oder das Klicken sich verändert, sofort reinigen.
- Nach der Saison: Wenn die Yacht aus dem Wasser kommt, ist die beste Gelegenheit für eine gründliche Inspektion. Sockel auf Korrosion prüfen, Lager kontrollieren, ggf. Winschen komplett überholen.
Was du dir sparen kannst
Es gibt jede Menge „Winschenpflege-Sprays" mit großen Versprechen. Die meisten sind nichts anderes als dünnes Öl mit Marketingaufdruck. Was wirklich zählt, ist die mechanische Reinigung und die richtige Trennung von Fett und Öl. Alles andere ist Aberglaube, verpackt in eine schicke Spraydose.
Zum Schluss
Eine Winsch ist ein simples mechanisches Bauteil — und genau deshalb lohnt es sich, sie zu verstehen. Wer einmal begriffen hat, warum das Klicken kommt und wieder verschwindet, warum altes Fett gefährlich wird und warum die Trennung von Fett und Öl keine Empfehlung, sondern eine Regel ist, der hat an Bord eine Sorge weniger.
Die paar Stunden, die du pro Saison in die Winschen investierst, zahlen sich mehrfach aus: weniger Kraftaufwand beim Hieven, weniger Verschleiß an Schoten und Tauwerk, und — das ist der wichtigste Punkt — keine herumpeitschende Kurbel im falschen Moment. Wer einmal erlebt hat, wie eine ungewartete Winsch unter Last nachgibt, vergisst das nicht so schnell.
Was bleibt, ist am Ende das, was an Bord immer bleibt: solide Handarbeit, bewährtes Material und der Respekt vor den kleinen Dingen, die ein Schiff zusammenhalten. Der Rest ist Krimskrams.