Vom Totalschaden zur Regattayacht: Wie Azubis eine X 79 in Eigenregie restaurierten
Wenn ein Segelboot nach einer schweren Sturmflut zum Wrack wird, denken die meisten Eigner an Verschrottung – wie die NWZonline berichtet, haben Auszubildende der Werft Hooksiel das Gegenteil bewiesen.

Vom Wrack zum Regattaboot – Azubis der Werft Hooksiel segeln ihr eigenes Projekt
Aus einer havarierten Regattajacht vom Typ X 79, die bei der Ostseesturmflut im Oktober 2023 in Kiel-Schilksee zerlegt wurde, ist in knapp einem Jahr die „Azubi X" geworden – schwimmfähig, regattafertig und bereits bei ersten Wettfahrten der Hooksail-Serie im Einsatz. Die Geschichte, die hinter dem havarierten Boot steckt, ist für uns Segler mehr als eine Werftenachricht: Sie zeigt, wie viel in einem vermeintlichen Totalschaden stecken kann – und was passiert, wenn Ausbildung nicht am Whiteboard, sondern am realen Objekt stattfindet.
Was eine Sturmflut mit einem Rumpf macht
Wer die Bilder der Ostseesturmflut vom Oktober 2023 noch im Kopf hat, weiß, wie viel Wasser in eine ungesicherte Box laufen kann. Die X 79 in Kiel-Schilksee trug schwerste Schäden davon: große Löcher im Rumpf und im Heck, ein gebrochenes Ruderblatt, ein beschädigter Kiel. Das ist kein kosmetischer Schaden, das ist ein Totalschaden in den Augen der Versicherung – und für jede Werft eine ehrliche Entscheidung wert, ob sich die Sanierung überhaupt rechnet.
Auf der Werft Hooksiel hat man sich für das Wagnis entschieden – und zwar bewusst nicht aus wirtschaftlichem Kalkül, sondern als Lernprojekt. Bootsbaumeister Tanno Kruse skizzierte gegenüber der NWZ die Überlegung, den jungen Auszubildenden ein Objekt zu geben, an dem sie unterschiedliche Techniken der Restaurierung und Reparatur üben können. Was dabei herauskam, war am Ende deutlich mehr als eine Übungsaufgabe: Erst wurde der GFK-Rumpf aufwendig saniert, dann geschliffen und lackiert, bis das Boot wieder seine schlanke Linie zurückhatte.
Lernen am eigenen Schiff
Zum Ausbildungsbeginn im August fanden die neuen Lehrlinge Giuliano van Freeden und Max Hesse die „Azubi X" bereits regattafertig vor – ein Moment, den viele von uns kennen: Man steht vor einem Boot, das schon mehr Geschichte hat, als man selbst Segelerfahrung mitbringt. Beide hatten vor ihrer Ausbildung ein Praktikum auf der Werft absolviert und so schon einmal in den Betrieb hineingeschnuppert.
Was mich an dieser Geschichte berührt, ist die Mischung aus Pragmatismus und Begeisterung. Die Geschäftsführerin Bettina Kähler habe den Azubis angeboten, in der Freizeit das Segeln zu lernen und eine schnelle Jacht zu segeln – das sei nicht der alleinige Grund für die Berufswahl gewesen, aber beide begrüßten diese Möglichkeit ausdrücklich. Max aus Jever, der parallel bei der DLRG aktiv ist und demnächst seinen Bootsführerschein machen will, bringt es auf den Punkt: Die Arbeit direkt am Wasser und die Chance, mit dem Werftboot auf Tour zu gehen, mache einfach Spaß. Sein Kollege Giuliano ist auf Helgoland aufgewachsen und kennt das Segeln von Kindesbeinen an – für ihn ist die „Azubi X" ein schickes, schnelles Boot, an dem er im nächsten Winter mit dem Innenausbau weitergestalten will.
Was wir für unsere eigene Törnplanung mitnehmen
Ich gebe zu: Beim Lesen musste ich kurz schmunzeln. Wie oft stehen wir an der Pinne und hadern mit kleinen Schäden an Deck, während hier ein kompletter Rumpf wieder aufs Wasser gebracht wurde? Drei Gedanken, die ich aus der Hooksieler Geschichte mitnehme:
- Ein „Wrack" ist selten nur Schrott. Wer die Möglichkeit hat, sich ein Schadensboot genau anzusehen, lernt oft mehr über Materialien und Bauweisen als in jedem Lehrbuch. Werftbesuche lohnen sich – auch wenn das eigene Boot gerade gar nichts braucht.
- Ausbildung braucht echte Projekte. Junge Leute – und wir alle – lernen durch Verantwortung am realen Objekt deutlich mehr als durch reine Theorie. Wenn dein Verein, deine Werft oder deine Segelschule kein solches Projekt hat: Vielleicht ist genau das der Anstoß, eines zu starten.
- Sturmvorbereitung beginnt lange vor dem Wetterbericht. Die Bilder aus Kiel-Schilksee 2023 zeigen, wie viel ein einzelner Tidenstoß ausrichten kann. Winterlager mit Sorgfalt, Vertäuen nach Lee und ein ehrlicher Blick auf die Sturmvorhersage – das sind die ruhigen Minuten, die später Havarie verhindern.
Die „Azubi X" wird weiter unter Segeln bleiben, und die Crew dahinter wächst mit. Vielleicht ist das die ehrlichste Form von Nachwuchsförderung, die wir uns für unser Hobby wünschen können.