manatee-segeln

Echte Logbücher und die Freiheit unter Segeln.

Seemannschaft & Navigation

Schlechtwettertaktik: 8 Strategien für sicheres Segeln bei Starkwind

Das Erste, was wir im Starkwind falsch machen, ist das Reffen auf später zu verschieben.

Schlechtwettertaktik: 8 Strategien für sicheres Segeln bei Starkwind

Ich weiß das, weil ich genau das mehrfach selbst erlebt habe – einmal vor Skagen, als der Wind mit 35 Knoten über die Kante kam und die Genua sich aufblähte wie ein Ballon, noch bevor ich die Reffleine in der Hand hielt. Die nächste Welle spülte uns das Cockpit voll, der Steuermann kämpfte, und ich stand da mit zwei Schoten, die ich nicht mehr unter Kontrolle bringen konnte. Die Lektion war einfach und unbequem: Starkwind verzeiht kein Zögern. Wer bei 6 bis 8 Beaufort – also etwa 28 bis 47 Knoten – die Kontrolle behalten will, hat nicht eine, sondern acht bewährte Strategien, die ineinandergreifen. Ich gehe sie hier in der Reihenfolge durch, in der sie an Bord Bedeutung gewinnen.

1. Refft, bevor Ihr es müsst – die Grundentscheidung

Refft, sobald Ihr zum ersten Mal darüber nachdenkt – das ist die goldene seemännische Regel.

Die wirksamste Schlechtwettertaktik findet statt, lange bevor der Wind Sturmstärke erreicht: Wir reffen. Reffen reduziert die Segelfläche, nimmt dem Schiff die übermäßige Luvgierigkeit, entlastet das Rigg und verhindert die Krängung, die uns an Deck in Bewegung und am Steuer in die Knie zwingt. Sobald die Genua sich nur noch mit zwei Händen halten lässt, sobald das Ruder zu drücken beginnt, sobald die Wellen das Boot hart durchsetzen – das ist der Moment.

Auf einer Nordseepassage hatte ich zu lange gewartet, weil „es noch ging". Es ging, bis es nicht mehr ging. Wir refften in 40 Knoten, in Schräglage, mit überkommender See. Wir hatten an diesem Tag Glück, dass das Großsegel nicht aus den Schienen brach – das war eher Zufall als seemännisches Können. Wenn ich heute eine Starkwindpassage vorbereite, stelle ich mir morgens beim Wachantritt eine einfache Frage: Würde ich reffen, wenn der Wind in der nächsten Stunde 5 Knoten zulegt? Wenn die Antwort „wahrscheinlich ja" lautet, wird gerefft.

In der Praxis heißt das: frühzeitig in die Reffbänder greifen, am besten schon bei 20 Knoten Mittelwind, spätestens bei 25. Wer mit Slotreff oder durchgehenden Latten arbeitet, hat es einfacher. Wer noch um die Ecke refft, sollte das Manöver vorher im Trockenen mindestens dreimal geübt haben – genau das rettet Euch in der Hektik.

2. Beiliegen – der Anker auf See, der keiner ist

Wenn der Wind so stark wird, dass das Boot unsteuerbar wirkt, gibt es ein Manöver, das jeder Eigner kennen sollte: das Beiliegen, auch Beidrehen genannt. Wir fahren eine Wende, lösen dabei aber die Vorsegelschot nicht. Das Vorsegel steht back, das Ruder wird mit der Pinnenarretierung hart zum Wind fixiert, und das Schiff stabilisiert sich in einer seitlichen Position, die je nach Bootstyp nur etwa 1 bis 2 Knoten Abdrift erzeugt.

Beiliegen ist kein Feierabend-Manöver, sondern ein Werkzeugkasten: Wir nutzen es, um eine Mahlzeit zu kochen, eine Wetterkarte zu studieren, eine Crew durchzutauschen oder eine Böe abzuwettern. In den ruhigen Minuten dazwischen lässt sich an Deck arbeiten, ohne dass uns das Schiff durch die Welle schiebt.

Wichtig aber – und diesen Punkt sage ich meinen Schülern immer wieder: Beiliegen ist keine Taktik für Reviere ohne Seeraum. Vor einer Leeküste, auf einem engen Revier, in der Nähe von Riffs oder unter einer Steilküste, die im Windschatten liegt, ist das Beidrehen gefährlich – wir setzen uns einer Abdrift aus, die uns an die Küste tragen kann. Wer beiliegt, braucht Wasser unter dem Heck und eine Wacht, die das Schiff im Blick behält. Es ist kein Anker, es ist ein Atemholer mit Verfallsdatum.

Und ein weiterer Punkt, der oft übersehen wird: Auch beim Beiliegen bleibt Druck im Großsegel. Wenn wir das Groß nicht ganz wegnehmen, scheuert das stehende Achterliek an den Wanten. Genau diese Stelle wird in der Hektik der Vorbereitung gerne vergessen. Im Zweifel: Großsegel ganz runter, dann beiliegen – das ist die ruhigste Konfiguration, die ein Schiff unter Starkwind einnehmen kann.

3. Kurswahl unter Sturm – hoch am Wind oder vor dem Wind?

Nicht immer können wir beiliegen. Manchmal müssen wir weiter – ein Ziel unter Luv, ein Hafen in Lee, eine kritische Strecke, die kein Aufschub duldet. Dann stellt sich die Frage: Segeln wir hoch am Wind oder vor dem Wind?

Hoch am Wind – Kontrolle durch Geschwindigkeit

Hoch am Wind im Sturm wirkt auf den ersten Blick widersinnig. Der scheinbare Wind, der sich aus wahrem Wind und Fahrtwind zusammensetzt, bläst uns entgegen. Aber genau das gibt uns, was kein gerefftes Segel allein kann: Manövrierfähigkeit. Der Bug schneidet durch die Wellen, das Schiff richtet sich gegen die rollende See, und wir haben jederzeit die Option, durch eine Halse oder eine Wende auszuweichen. In offenem Wasser ist das Gold.

Ich lüge Euch aber nicht an: Hoch am Wind im Sturm fordert die Crew. Der Steuermann oder die Steuerfrau kämpft mit einer Pinne, die sich anfühlt, als hielte man einen Esel am Schwanz. Die Krängung ist da, das Wasser kommt, die Bewegungen an Deck werden zur Mutprobe. Wer diese Taktik wählt, braucht eine ausgeruhte Crew, ein gut eingestelltes Rigg und ein Großsegel, das nicht zu viel Druck erzeugt. Wer müde ist, gehört nicht ans Ruder, sondern in die Koje.

Und: Der hohe Kurs heißt nicht, dass wir uns an den Wind klammern. Wir gehen nicht höher als nötig, und wir gehen nicht länger hoch als nötig. Es ist eine Phase, kein Dauerzustand.

Vor dem Wind – die Ruhe und ihre Tücken

Der entgegengesetzte Weg ist der vor dem Wind. Wenn wir den Wind genau von achtern nehmen oder leicht raumschots segeln, sinkt der scheinbare Wind rapide. Das Großsegel killt im Windschatten der Genua, die Wanten entspannen sich, und die Bewegungen an Deck werden spürbar ruhiger. Es ist eine Wohltat, nach Stunden hoch am Wind einfach einmal laufen zu lassen.

Die Gefahr kommt von achtern. Wellen, die uns einholen, sind tückisch: Sie können das Heck seitlich versetzen, uns in eine Querschlage oder sogar in eine Patenthalse drücken. Genau in solchen Sekunden wirken Böen, Wasserstau vor dem Ruder und ein plötzlicher Winddreher zusammen – und der Großbaum fliegt mit einer Wucht über die andere Seite, die selbst erfahrene Segler das Fürchten lehrt. Deshalb die Faustregeln: Wer vor dem Wind läuft, hat immer einen Bullenstander gesetzt. Wer vor dem Wind läuft, hat das Großsegel so klein wie möglich. Wer vor dem Wind läuft, hält einen Winkel von etwa 150 bis 170 Grad am Kompass und nicht 180 – so bleibt das Boot steuerbar, und der Druck bleibt kontrollierbar.

4. Bullenstander, Treibanker, Schleppleine – die kleinen Versicherungen

Der Bullenstander ist eine einfache Leine, die den Großbaum auf Raumschot- und Vorwindkursen fixiert. Sie verhindert die Patenthalse, die durch Winddreher, Böen oder einen Welleneinschlag ausgelöst werden kann – und eine Patenthalse gehört zu den wenigen Manövern an Bord, die ein Schiff in Sekunden zerlegen können.

Ich setze den Bullenstander, sobald der Kurs mehr als 70 Grad vom Wind wegführt. Er kostet nichts, er braucht eine Minute zum Schalten, und er bewahrt mich davor, im entscheidenden Moment am falschen Ende der Schot zu stehen. Auf meiner eigenen Yacht liegt er immer in einer eigenen Tasche achteraus, klar zum Schalten, mit einem Auge am Baum und einem zweiten Auge an einer Schiene oder Klampe an Deck. Geht der Wind über 30 Knoten, doppele ich den Bullenstander – eine zweite Leine als Backup, die ich im Notfall lösen kann, ohne dass der Baum unkontrolliert über die andere Seite schwenkt. Beim Fieren auf Halbwindkursen kann die Baumauslenkung übrigens bis zu 80 Grad betragen – das sind Kräfte, die keine Schiene und kein Süllrand auf Dauer aushält, wenn sie unkontrolliert kommen.

Es gibt Bedingungen, in denen weder Beiliegen noch hoch am Wind noch vor dem Wind richtig passen – etwa, wenn die See so hoch wird, dass das Boot in den Wellentälern verschwindet und in den Kämmen wieder auftaucht wie ein Korken. Dann sprechen wir über Treibanker und Schleppleinen. Ein Treibanker ist ein konusförmiges Tuch, das über eine lange Leine achteraus ausgebracht wird und dem Schiff eine seitliche Drift gibt – mehr Verzögerung als beim Beiliegen, dafür mehr Stabilität. Eine schwere, lange Leine achtern kann das Tempo vor dem Wind dämpfen und das Boot gegen Querschlagen stabilisieren. Beide sind probate Mittel, aber ich sage Euch offen: Es gibt nicht die eine richtige Konfiguration für alle Boote. Rigg, Verdrängung, Freibord, Cockpitanordnung – das alles beeinflusst, was wirklich funktioniert. Wer mit Treibanker oder Schleppleine arbeiten will, probt das Manöver vorher in ruhigem Wasser. Wer es im Ernstfall zum ersten Mal macht, hat verloren.

5. Seeraum und Wetterrouting – der Plan vor dem Sturm

Ein guter Törn beginnt nicht am Liegeplatz, sondern in der Wetterkarte.

Die Strategie, die mit dem Boot selbst am wenigsten zu tun hat, ist vielleicht die wichtigste: Seeraum. Ein Schiff in 50 Seemeilen Abstand zur nächsten Küste hat ganz andere Optionen als eines in 5 Seemeilen. Wer frühzeitig das Routing macht, wer die Wetterentwicklung beobachtet, wer die Lee-Küste im Blick behält und sich die Möglichkeit offen hält, einen Hafen anzulaufen, verschiebt die Taktikfrage in eine Kategorie, in der wir nicht über Patenthalsen und Querschlagen reden, sondern nur über die Frage: Wann gehen wir rein, wann gehen wir raus?

Ich plane Starkwindpassagen so, dass die kritischen Stunden – die Böenfront, der Schauer, der Winddreher nach dem Frontdurchgang – in einem Revier stattfinden, das mir Optionen lässt. Das ist keine Kapitänsmasche, das ist reine Geometrie: Ein achterlicher Wind aus dem Hafen heraus ist sicherer als ein achterlicher Wind auf die Küste zu. Wer morgens um sechs entscheidet, wo er um achtzehn sein wird, hat die Kontrolle. Wer das um vierzehn Uhr entscheidet, hat Pech.

6. Crew, Aufgaben und ehrliche Worte

Die achte Strategie steht in keinem Handbuch: die Crew. Wie geht es den Menschen an Bord? Wer ist seekrank, wer müde, wer hat Angst? In meinen Schlechtwettertörns achte ich auf drei Dinge – Aufgabenklärung, Wachrhythmus und ehrliche Worte.

Aufgabenklärung heißt: Jeder an Deck weiß im Ernstfall, was er zu tun hat. Wer holt die Reffleine, wer steht am Ruder, wer geht nach vorn, wer bleibt im Cockpit. Diese Rollen werden vor dem Manöver benannt, nicht erst währenddessen. Wer in der entscheidenden Minute erst fragen muss, was er tun soll, hat schon verloren.

Wachrhythmus heißt: Alle zwei Stunden Wachwechsel, auch wenn derjenige an der Pinne gerade gut segelt. Müdigkeit ist im Starkwind der größte Feind, nicht der Wind selbst. Wer übermüdet steuert, steuert falsch – und „falsch" heißt im Extremfall „zu spät".

Ehrliche Worte heißt: Wer Angst hat, sagt es. Wer seekrank ist, sagt es. Wer unsicher ist, sagt es. Es gibt keine schlechten Gefühle an Bord, nur unausgesprochene. Ich habe schon erlebt, dass ein Crewmitglied sich nicht getraut hat zu sagen, dass ihm schlecht war – bis die Seekrankheit so schlimm wurde, dass die Person nicht mehr an Deck helfen konnte. Hätten wir es gewusst, hätten wir das Reffmanöver verschoben und die Person in die Koje geschickt. So haben wir unnötig Risiko gehabt.

Auf einen Blick: die acht Strategien im Vergleich

StrategieWann einsetzenHauptvorteilGrößte Falle
1. Rechtzeitig reffenab 20–25 kn Mittelwindweniger Druck, mehr Kontrolleim Ernstfall zu spät
2. BeiliegenPause, Böe, Crew-Wechselstabile Lage, ca. 1–2 kn Abdriftnicht vor Leeküste
3. Hoch am WindLuv-Ziel, ManövrierfähigkeitBug gegen See, immer steuerbarCrew wird rasch müde
4. Vor dem Windachterlicher Kursabschnittweniger scheinbarer WindQuerschlagen, Patenthalse
5. Bullenstanderab ca. 70° abfallendverhindert Patenthalsezu spät gesetzt
6. Treibanker / Schleppleineschwere See, Korken-Effektdämpft Bewegungungeprobt im Ernstfall
7. Seeraum & Routingvor und während der PassageOptionen erhaltenzu spät geplant
8. Crew & Aufgabenan Bord, durchgehendklare Handlungenunausgesprochene Sorgen

Wenn ich eines aus den vielen Törns mitgenommen habe, die ich bei Starkwind gesegelt bin, dann dies: Es gibt den einen perfekten Trick nicht, der jede Lage rettet. Es gibt aber eine Haltung, die jede Lage überstehbar macht – vorbereitet sein, ehrlich bleiben, das Boot machen lassen, wo es kann, und die Crew mitnehmen, wo sie ist. Wer so segelt, wird nicht in jedem Sturm pünktlich ankommen. Aber er wird ankommen.

Häufige Fragen

Ab welcher Windstärke sollte man beim Segeln reffen?
Es wird empfohlen, frühzeitig in die Reffbänder zu greifen, am besten bereits bei 20 Knoten Mittelwind und spätestens bei 25 Knoten.
Was ist beim Beiliegen zu beachten?
Beiliegen erzeugt eine seitliche Abdrift von etwa 1 bis 2 Knoten und darf daher nicht in der Nähe von Leeküsten, Riffs oder engen Revieren praktiziert werden.
Warum ist ein Bullenstander bei Starkwind wichtig?
Er fixiert den Großbaum auf Raumschot- und Vorwindkursen und verhindert so eine unkontrollierte Patenthalse, die das Schiff schwer beschädigen kann.
Wie lässt sich die Gefahr beim Segeln vor dem Wind reduzieren?
Man sollte das Großsegel so klein wie möglich halten, einen Bullenstander setzen und einen Kurs von etwa 150 bis 170 Grad am Kompass halten, um die Steuerbarkeit zu wahren.
Welche Rolle spielt die Crew bei Starkwind?
Die Crew muss klare Aufgaben kennen, einen regelmäßigen Wachrhythmus einhalten und offen über Befinden oder Ängste sprechen, um unnötige Risiken zu vermeiden.