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Seemannschaft & Navigation

Gezeitenstrom berechnen: Methoden für den sicheren Kurs

Der Gezeitenstrom macht aus einem sauber geplanten Kurs schnell eine enttäuschende Annäherung: Der Plotter zeigt den Wegpunkt an, das Kielwasser läuft ordentlich achteraus – und trotzdem wandert die Yacht seitlich am Ziel vorbei.

Gezeitenstrom berechnen: Methoden für den sicheren Kurs

Besonders unangenehm wird das in engen Fahrwassern, vor einer Barre oder bei der Ansteuerung eines Hafens, wenn für große Korrekturen kaum noch Raum bleibt.

Gezeitenstrom zu berechnen bedeutet deshalb nicht, eine einzelne Zahl aus einer Tabelle abzulesen. Es bedeutet, Wasserstand, Stromrichtung, Stromgeschwindigkeit, eigenen Kurs und die tatsächliche Schiffsbewegung gemeinsam zu betrachten. Wer diese Größen in Ruhe vorbereitet, muss am Ruder deutlich weniger hektisch korrigieren. Und selbst wenn Wind und Strom später nicht genau so eintreffen wie vorhergesagt, bleibt die Entscheidung nachvollziehbar.

Mir hilft dabei ein einfacher Grundsatz: Der GPS-Kurs zeigt, wohin sich die Yacht über Grund bewegt. Der Kompasskurs zeigt, wohin der Bug durchs Wasser weist. Dazwischen liegt der Strom – und genau dieser Unterschied ist die praktische Aufgabe der Gezeitennavigation.

Was beim Gezeitenstrom eigentlich berechnet wird

Für die Navigation sind zwei Bewegungen gleichzeitig relevant. Die Yacht läuft mit einer bestimmten Geschwindigkeit und einem bestimmten Kurs durchs Wasser. Das Wasser selbst bewegt sich aber ebenfalls, abhängig von Tide, Revier und Wetter. Aus beiden Bewegungen ergibt sich der Kurs über Grund.

In der nautischen Schreibweise wird diese Beziehung als Vektoraddition dargestellt:

VüG = VdW + VSt

Dabei steht:

  • VüG für den Vektor über Grund, also Kurs und Fahrt über Grund,
  • VdW für den Vektor durch das Wasser, also Kurs und Fahrt der Yacht durchs Wasser,
  • VSt für den Stromvektor mit Stromrichtung und Stromgeschwindigkeit.

Das klingt zunächst theoretischer, als es an Bord tatsächlich ist. Praktisch bedeutet es: Fährt die Yacht mit sechs Knoten durchs Wasser und setzt der Strom mit zwei Knoten quer zur geplanten Linie, dann fährt die Yacht nicht einfach mit sechs Knoten geradeaus über Grund. Sie wird versetzt und erreicht eine andere Position, als der Kurs durchs Wasser zunächst vermuten lässt.

Der scheinbare Wind kann dabei zusätzlich verwirren. Gegenstrom lässt den Wind stärker erscheinen, Mitstrom schwächt ihn scheinbar ab. Auf einem Amwindkurs fühlt sich die Situation also nicht nur auf der Karte anders an, sondern auch an Bord. Die Segel reagieren auf die Bewegung der Yacht durch die Luft, während die Position über Grund durch die Kombination aus Fahrt durchs Wasser und Strom entsteht.

Für eine sichere Planung müssen daher drei Fragen getrennt beantwortet werden:

1. Wie stark läuft der Strom?

2. In welche Richtung setzt er tatsächlich?

3. Welchen Kurs durchs Wasser muss die Yacht steuern, damit der gewünschte Kurs über Grund entsteht?

Erst danach kommt die Frage, ob dieser Kurs unter Segeln, mit Motorunterstützung oder überhaupt innerhalb des vorgesehenen Zeitfensters sinnvoll gefahren werden kann.

Der Gezeitenstrom ist kein Fehler im GPS, sondern ein zweiter Bewegungsvektor, der von Anfang an in die Planung gehört.

Tidenhub und Gezeitenkoeffizient: Die Ausgangslage verstehen

Bevor der Strom berechnet wird, lohnt ein Blick auf die Tide selbst. Der Tidenhub ist der Höhenunterschied zwischen Hochwasser und Niedrigwasser. Er beschreibt zunächst den Wasserstand, nicht automatisch die Geschwindigkeit des Stroms. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil ein großer Tidenhub zwar häufig mit stärkeren Strömungen einhergeht, die tatsächliche Stromstärke aber stark von der Form des Reviers, der Küstenlinie, Engstellen und der lokalen Topografie abhängt.

Eine weitere Orientierung bietet der Gezeitenkoeffizient. Typischerweise bewegt er sich zwischen 20 und 120. Werte unter 70 werden als Nipptide beziehungsweise Mortes-eaux bezeichnet, Werte über 70 als Springtide oder Vives-eaux. Bei Springtiden sind die Wasserstandsänderungen und in vielen Revieren auch die Strömungen stärker. Das ist für die Planung einer Passage durch ein Tidenrevier nicht bloß eine statistische Information, sondern kann über die praktische Machbarkeit eines Abschnitts entscheiden.

Ein hoher Koeffizient beantwortet allerdings noch nicht die Frage, wann der Strom an einer bestimmten Stelle kentert oder mit welcher Geschwindigkeit er dort läuft. Dafür braucht es die Angaben des jeweiligen Reviers, vor allem Stromatlanten, Gezeitentafeln und gegebenenfalls lokale nautische Hinweise.

Auch der Zeitpunkt des Hoch- und Niedrigwassers ist nicht überall gleichbedeutend mit dem Zeitpunkt des Stromstillstands. In manchen Revieren tritt Stauwasser ungefähr zum Hoch- oder Niedrigwasser ein, in anderen liegt der Stromstillstand deutlich davor oder danach. Wer lediglich die Hochwasserzeit aus dem Hafenhandbuch übernimmt und daraus den Stromstillstand ableitet, kann deshalb leicht mit einer falschen Annahme starten.

Ein kleines Rechenbeispiel zum Tidenhub

Die Zwölftelregel hilft, den Verlauf des Wasserstands zwischen Hoch- und Niedrigwasser überschlägig einzuschätzen. Bei einem Tidenintervall von sechs Stunden wird der gesamte Tidenhub in sechs Zeitabschnitte geteilt:

ZeitabschnittAnteil der Wasserstandsänderung
1. Stunde1/12
2. Stunde2/12
3. Stunde3/12
4. Stunde3/12
5. Stunde2/12
6. Stunde1/12

Bei einem Tidenhub von vier Metern würde der Wasserstand in der ersten Stunde also ungefähr um 0,33 Meter fallen oder steigen, in der zweiten um 0,67 Meter und in der dritten um einen Meter. In der vierten Stunde käme nochmals etwa ein Meter hinzu, bevor sich die Änderung in den letzten beiden Stunden wieder verlangsamt.

Diese Regel beschreibt die Veränderung des Wasserstands, nicht direkt die Stromgeschwindigkeit. Sie ist eine Näherung für eine idealisierte Tidenkurve. Die Abweichung gegenüber einer idealen Sinus- beziehungsweise Cosinuskurve liegt bei maximal etwa 2,5 Prozent des gesamten Tidenhubs. Für eine erste Einschätzung und für viele Unterrichts- oder Prüfungssituationen ist das ausgesprochen nützlich. In einem Revier mit doppeltem Hochwasser, unregelmäßigen Tidenintervallen oder stark lokaler Strömungsdynamik darf die Regel jedoch nicht unbesehen als vollständige Vorhersage verwendet werden.

Die Zwölftelregel richtig einsetzen

Die Zwölftelregel wird an Bord häufig zu schnell mit der Stromberechnung gleichgesetzt. Das führt zu einem typischen Missverständnis: Man sieht, dass sich der Wasserstand in der dritten und vierten Stunde am stärksten verändert, und schließt daraus unmittelbar auf die genaue maximale Stromgeschwindigkeit. Für eine solche Aussage reicht die Zwölftelregel allein nicht aus.

Sie liefert vielmehr ein Bild davon, wie sich die Tide zeitlich entwickelt:

  • Zu Beginn und am Ende des Tidenintervalls verändert sich der Wasserstand vergleichsweise langsam.
  • In der Mitte des Intervalls ist die Änderung am größten.
  • Der Wasserstand folgt dabei einer idealisierten, gleichmäßigen Kurve.
  • Die tatsächliche Stromrichtung und Stromgeschwindigkeit müssen aus den Revierdaten ergänzt werden.

Das ist dennoch wertvoll, weil die Regel das Gefühl für die zeitliche Dynamik verbessert. Wenn eine Yacht zwei Stunden nach dem Beginn einer fallenden Tide in ein enges Fahrwasser einläuft, kann die Stromsituation deutlich anders sein als kurz vor dem nächsten Niedrigwasser. Die Frage ist nicht nur, ob Wasser unter dem Kiel steht, sondern auch, wie viel seitlicher Versatz während der Passage entsteht.

Für die Planung notiere ich daher nicht lediglich Hoch- und Niedrigwasser, sondern ordne jedem Streckenabschnitt ein Zeitfenster zu. Eine Passage gegen den Strom kann bei schwachem Gegenstrom noch gut kontrollierbar sein, während dieselbe Passage eine Stunde später unnötig viel Fahrt kostet und die Ruderwirkung verändert. Ein Mitstrom kann die Fahrt über Grund erhöhen, verschlechtert aber nicht selten die Kontrolle in einer engen Kurve, weil die Yacht schneller über Grund läuft, als sich ihre Bewegung durchs Wasser anfühlt.

Gerade bei einer Segelyacht ist diese Differenz entscheidend. Die Logge zeigt die Fahrt durchs Wasser, das GPS die Fahrt über Grund. Stimmen beide Werte nicht überein, ist das nicht automatisch ein Messfehler. Es kann der sichtbare Hinweis auf den Strom sein.

Das Stromdreieck beim Segeln anwenden

Das Stromdreieck ist die praktischste Methode, wenn der gewünschte Kurs über Grund bereits feststeht. Es hilft dabei, den Kurs durchs Wasser zu bestimmen, der trotz Strom zum Ziel führt.

Die drei Größen sind:

  • der geplante Kurs über Grund,
  • die eigene Fahrt durchs Wasser,
  • der Stromvektor mit Richtung und Geschwindigkeit.

Ist der Strom bekannt und soll die Yacht einen bestimmten Kurs über Grund halten, wird die eigene Kursrichtung so gewählt, dass die seitliche Versetzung ausgeglichen wird. Der Bug zeigt dann nicht direkt auf den Zielpunkt, sondern leicht gegen den Strom. Wie groß dieser Vorhaltewinkel sein muss, hängt von der Stärke des Stroms und der Geschwindigkeit der Yacht durchs Wasser ab.

Bei einem Strom von vorn oder achtern ist die Korrektur vor allem in der Fahrt über Grund sichtbar. Bei Querströmung entsteht dagegen ein deutlicher Vorhaltewinkel. Je langsamer die Yacht durchs Wasser läuft, desto stärker wirkt sich derselbe Strom auf den Kurs aus. Das ist einer der Gründe, weshalb eine vermeintlich kleine Strömung bei wenig Wind plötzlich zum entscheidenden Faktor wird.

Ein rechnerisches Beispiel

Angenommen, die Yacht läuft mit einer Fahrt durchs Wasser von sechs Knoten. Der Strom setzt mit zwei Knoten quer zur geplanten Kurslinie. Ohne Kurskorrektur würde die Yacht während jeder Stunde ungefähr zwei Seemeilen seitlich versetzt, während sie sechs Seemeilen durch das Wasser zurücklegt. Der Track über Grund würde entsprechend schräg verlaufen.

Um den Versatz auszugleichen, muss der Kurs durchs Wasser gegen die Stromrichtung gelegt werden. Das Stromdreieck zeigt dann den erforderlichen Kurs durchs Wasser und die daraus entstehende Fahrt über Grund. Die Yacht läuft nicht mehr exakt auf dem ursprünglichen Kompasskurs, erreicht aber die gewünschte Linie über Grund.

In der grafischen Konstruktion wird der Stromvektor zunächst in Richtung und Länge eingetragen. Um dessen Spitze wird ein Kreisbogen mit dem Radius der Fahrt durchs Wasser geschlagen. Der Schnittpunkt mit der gewünschten Kurslinie über Grund liefert den benötigten Kurs durchs Wasser. Aus der Verbindung der Vektoren ergibt sich zugleich die Fahrt über Grund.

Das Verfahren ist besonders hilfreich, wenn nicht nur eine grobe Richtung, sondern ein konkreter Kurs eingehalten werden soll – etwa beim Anlaufen einer Tonne, beim Queren eines Verkehrstrennungsgebiets oder beim Einhalten einer sicheren Linie neben einer Untiefe.

Was am Ruder davon übrig bleibt

Die Rechnung muss nicht ständig auf dem Papier wiederholt werden. Sie gibt zunächst eine saubere Ausgangsentscheidung. Danach wird beobachtet:

  • Liegen Kurs über Grund und geplanter Track nahe beieinander?
  • Wie unterscheiden sich Logge und GPS-Fahrt?
  • Wandert die Yacht seitlich aus dem Korridor?
  • Verändert sich der scheinbare Wind so, wie es zur erwarteten Stromrichtung passt?
  • Muss der Vorhaltewinkel wegen einer veränderten Fahrt durchs Wasser angepasst werden?

Bei starkem Gezeitenstrom ist es sinnvoller, einen breiten, vorher festgelegten Sicherheitskorridor zu überwachen, als nervös jede kleine Kursabweichung zu jagen. Die Yacht reagiert nicht augenblicklich auf jede Ruderbewegung, und der Strom verändert sich ebenfalls. Ruhe und ein klarer Beobachtungsrhythmus sind hier wirkungsvoller als hektisches Gegensteuern.

Gezeitenstromatlas und Gezeitentafeln lesen

Für die praktische Navigation werden mehrere Informationsquellen miteinander verbunden. In Deutschland veröffentlicht das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie jährlich Gezeitentafeln. International werden häufig die Admiralty Tide Tables des United Kingdom Hydrographic Office verwendet. Hinzu kommen Stromatlanten, Revierhandbücher und nautische Unterlagen für den jeweiligen Küstenabschnitt.

Die Gezeitentafel beantwortet vor allem Fragen zum Wasserstand und zu den Zeiten von Hoch- und Niedrigwasser an Bezugsorten. Der Stromatlas zeigt dagegen, wie sich Richtung und Geschwindigkeit des Stroms im Revier verändern. Die Angaben sind oft für bestimmte Stunden vor oder nach Hoch- beziehungsweise Niedrigwasser dargestellt.

Beim Lesen eines Stromatlasses gehe ich in einer festen Reihenfolge vor:

1. Bezugsort und Bezugszeit feststellen.

Zuerst muss klar sein, auf welchen Hafen oder Pegel sich die Zeitangaben beziehen. Eine Zeitangabe ist ohne diesen Bezug nicht vollständig.

2. Revierabschnitt und Position bestimmen.

Der Strompfeil für eine nahe gelegene Stelle ist nicht automatisch auf eine ganze Bucht übertragbar. Engstellen, Inseln und Untiefen können Richtung und Geschwindigkeit deutlich verändern.

3. Zeitabstand zum Bezugsereignis berechnen.

Entscheidend ist, wie viele Stunden vor oder nach Hoch- beziehungsweise Niedrigwasser der geplante Wegpunkt passiert wird.

4. Richtung und Geschwindigkeit aus der richtigen Tafel ablesen.

Der Pfeil beschreibt die Stromrichtung, die Geschwindigkeitsangabe die Stärke. Beides muss gemeinsam übernommen werden.

5. Kurskorrektur für jeden wichtigen Abschnitt prüfen.

Ein einziger Durchschnittswert für die gesamte Passage reicht nur bei kurzen und übersichtlichen Strecken. Bei längeren Etappen verändert sich der Strom während der Fahrt.

Eine übersichtliche Planung kann zum Beispiel so aussehen:

StreckenabschnittGeplante ZeitStromrichtungStromstärkeKonsequenz
Außenkante der Bucht10:30 Uhrquer nach Ostenlaut StromatlasVorhaltewinkel nach Westen
Engstelle11:15 Uhrgegen den Kurslaut StromatlasFahrtverlust einkalkulieren
Ansteuerung12:00 Uhrmitlaufendlaut StromatlasGeschwindigkeit über Grund beobachten

Die Zahlen in einer solchen Tabelle stammen aus den Unterlagen des konkreten Reviers. Die Tabelle selbst ist kein Ersatz für den Atlas, sondern zwingt dazu, die einzelnen Abschnitte zeitlich und räumlich getrennt zu betrachten.

GPS, Plotter und Logge: Kontrolle statt Ersatz

Moderne Navigationsgeräte sind für die Gezeitenfahrt äußerst hilfreich. Der Plotter zeigt den tatsächlichen Track, das GPS liefert Kurs und Fahrt über Grund, und die Logge ergänzt die Fahrt durchs Wasser. Damit lassen sich die berechneten Werte während der Fahrt überprüfen.

Trotzdem ersetzt die GPS-Wegpunktnavigation die manuelle Kontrolle in einem Gezeitenfahrwasser nicht vollständig. Ein Gerät zeigt, wo die Yacht gerade ist und wie sie sich über Grund bewegt. Es erklärt aber nicht automatisch, warum der Track abweicht oder ob die nächste Stromphase die Abweichung verstärken wird.

Ein typisches Bild ist der scheinbar korrekte Kurs zum Wegpunkt, während die Yacht dennoch seitlich aus der sicheren Linie läuft. Der Autopilot hält dann möglicherweise exakt den eingestellten Steuerkurs – aber den falschen Bezug. Wenn der Autopilot auf Kompasskurs steuert, wird der Stromversatz nicht selbstständig ausgeglichen. Soll der Track über Grund gehalten werden, braucht es entweder eine geeignete Kursstrategie oder die bewusste Eingabe eines Vorhaltewinkels.

Die Anzeigen sollten deshalb als zusammenhängendes System gelesen werden:

  • Logge: Wie schnell bewegt sich die Yacht durchs Wasser?
  • GPS: Wie schnell und in welche Richtung bewegt sie sich über Grund?
  • Kompass: Wohin zeigt der Bug?
  • Plotter-Track: Welche Linie entsteht tatsächlich?
  • Umgebung: Stimmen Tonnen, Küstenlinie und erwartete Strömung mit der Planung überein?

Wenn Logge und GPS deutlich unterschiedliche Geschwindigkeiten zeigen, ist das ein wichtiger Hinweis auf den Strom. Wenn die Differenz größer ist als erwartet, kann eine falsche Tafel, ein veralteter Zeitbezug oder ein lokaler Einfluss vorliegen. Dann wird nicht einfach weitergerechnet, sondern die Situation neu bewertet.

Grenzen der Berechnung: Wind, Wetter und lokale Strömung

Keine Gezeitenrechnung ist genauer als ihre Eingangsdaten. Der Stromatlas bildet die typischen Verhältnisse des Reviers ab, nicht jede aktuelle Wetterlage. Anhaltender Wind kann den Wasserstand verändern, die Stromgeschwindigkeit beeinflussen oder den Zeitpunkt eines erwarteten Stromstillstands verschieben. Auch Luftdruck, Küstenform und lokale Besonderheiten spielen eine Rolle.

Besonders vorsichtig bin ich bei drei Situationen:

Starker Wind gegen den Strom

Wind gegen Strom erzeugt häufig kürzere, steilere Wellen. Selbst wenn der berechnete Kurs über Grund noch erreichbar ist, kann die Passage für die Yacht und die Crew deutlich unangenehmer werden. Die Geschwindigkeit durchs Wasser sinkt, der scheinbare Wind nimmt zu, und die Ruderarbeit wird anstrengender.

Hier muss die Frage lauten: Reicht die rechnerische Kurskorrektur noch als Planung aus, oder braucht es ein anderes Zeitfenster? Eine Passage mit schwächerem Strom kann sicherer sein als eine theoretisch kürzere Route durch eine stark aufgebaute See.

Enge Fahrwasser und Untiefen

In einem offenen Revier kann ein kleiner Versatz zunächst unproblematisch sein. In einem engen Fahrwasser führt derselbe Versatz möglicherweise direkt aus der sicheren Wassertiefe. Gerade bei fallendem Wasserstand muss zusätzlich die verbleibende Tiefe betrachtet werden. Die Zwölftelregel kann die Wasserstandsänderung überschlägig beschreiben, ersetzt aber keine Tiefenangaben und keine Kenntnis der lokalen Strömung.

Unregelmäßige Tiden

Die idealisierte Zwölftelregel passt nicht ohne Einschränkung zu Revieren mit doppeltem Hochwasser oder deutlich unregelmäßigen Tidenintervallen. Dort sind die offiziellen Unterlagen und die lokalen Angaben maßgeblich. Eine Formel, die in einem übersichtlichen Tidenrhythmus gute Dienste leistet, darf nicht aus Bequemlichkeit auf jedes Revier übertragen werden.

Eine gute Gezeitenplanung behauptet nicht, die Zukunft exakt zu kennen. Sie zeigt, welche Abweichung noch beherrschbar ist und wann eine andere Entscheidung vernünftiger wird.

Die Passage mit Ruhe vorbereiten

Die eigentliche Sicherheit entsteht nicht erst in dem Moment, in dem der Strom die Yacht versetzt. Sie entsteht vorher, wenn Kurs, Zeitfenster und Ausweichmöglichkeiten klar sind. Vor dem Auslaufen sollten deshalb nicht nur die Hoch- und Niedrigwasserzeiten im Logbuch stehen, sondern auch die kritischen Stellen der Route.

Für jeden Abschnitt genügt eine kurze, aber konkrete Notiz:

  • erwartete Stromrichtung,
  • ungefährer Zeitraum,
  • mögliche Auswirkung auf Kurs und Geschwindigkeit,
  • sichere Position oder Linie,
  • Entscheidungspunkt für eine Kursänderung oder Verzögerung.

Das nimmt Druck aus der Situation. Wenn die Yacht später nicht exakt auf der geplanten Linie liegt, muss nicht erst grundsätzlich überlegt werden, was der Strom wohl gerade macht. Die erwartete Entwicklung ist bereits bekannt, und die Crew kann die Abweichung mit den Beobachtungen vergleichen.

Auch ein kurzer Kontrollrhythmus hilft. Nicht jede Minute muss neu gerechnet werden. Besser ist es, in festen Abständen die Differenz zwischen Kurs durchs Wasser und Kurs über Grund zu prüfen, den Track zu beobachten und die Entwicklung mit der Stromprognose abzugleichen. Bei stärker werdendem Gegenstrom wird frühzeitig entschieden, ob mehr Vorhaltewinkel, mehr Motorleistung, ein anderer Kurs oder ein Abbruch der Passage erforderlich ist.

Dabei bleibt die persönliche Einschätzung an Bord entscheidend. Eine Yacht, die bei sechs Knoten durchs Wasser ruhig und kontrolliert läuft, kann bei gleicher rechnerischer Geschwindigkeit in kurzer, steiler See deutlich weniger Reserven haben. Sicherheit ist nicht nur die Frage, ob der Wegpunkt erreichbar ist, sondern ob die Yacht auf dem Weg dorthin gut manövrierbar bleibt.

Fazit: Rechnen, beobachten, rechtzeitig entscheiden

Wer den Gezeitenstrom berechnen möchte, braucht keine komplizierte Mathematik für jede Kursänderung. Die Grundlage besteht aus einer sauberen Trennung der Bewegungen: Fahrt und Kurs durchs Wasser, Stromrichtung und Stromgeschwindigkeit sowie daraus resultierender Kurs und Fahrt über Grund.

Die Zwölftelregel hilft, den zeitlichen Verlauf des Wasserstands zu verstehen. Gezeitentafeln liefern die Bezugszeiten und Wasserstände, Stromatlanten die entscheidenden Angaben für Richtung und Stärke des Stroms. Das Stromdreieck verbindet diese Informationen mit der tatsächlichen Leistung der Yacht und zeigt, welcher Kurs durchs Wasser erforderlich ist.

Am Ende bleibt die Rechnung eine Vorbereitung, keine Autopilot-Funktion. GPS und Plotter bestätigen, was über Grund geschieht, aber sie ersetzen weder die Planung noch den Blick aus dem Cockpit. Wer die Anzeigen mit Logge, Kompass, Wetter und Umgebung verknüpft, erkennt Abweichungen früh genug.

Und genau darin liegt die beruhigende Seite der Gezeitennavigation: Man muss den Strom nicht besiegen. Man muss ihn verstehen, seine Wirkung einplanen und der Yacht genügend Raum für eine sichere Entscheidung lassen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Kurs durchs Wasser und Kurs über Grund?
Der Kurs durchs Wasser beschreibt die Ausrichtung des Bugs, während der Kurs über Grund die tatsächliche Bewegung der Yacht unter Berücksichtigung des Gezeitenstroms darstellt.
Wofür wird die Zwölftelregel verwendet?
Sie dient als überschlägige Methode, um den Verlauf des Wasserstands zwischen Hoch- und Niedrigwasser in einem Tidenintervall von sechs Stunden einzuschätzen.
Warum reicht die Hochwasserzeit allein nicht für die Stromberechnung aus?
Der Zeitpunkt des Stromstillstands kann in vielen Revieren deutlich vor oder nach dem Hoch- oder Niedrigwasser liegen, weshalb lokale Stromatlanten zwingend erforderlich sind.
Wie wirkt sich Wind gegen Strom auf die Navigation aus?
Diese Kombination erzeugt häufig kürzere, steilere Wellen, die die Fahrt durchs Wasser verringern und die Ruderarbeit sowie die Kontrolle über das Schiff erschweren.
Wie erkenne ich während der Fahrt, ob der Gezeitenstrom meine Yacht versetzt?
Ein deutlicher Unterschied zwischen der Geschwindigkeit laut Logge und der Geschwindigkeit über Grund laut GPS ist ein wesentlicher Hinweis auf den Einfluss des Stroms.