Weltumsegelung ohne Diesel: Wie die SY-MANATEE auf Elektroantrieb setzt
Laut Practical Boat Owner wollen Dan und Kika Deckert von Sailing Uma Ende Oktober von Europa aus zu einer Weltumsegelung aufbrechen – ohne fossile Brennstoffe für Antrieb, Bordstrom oder Kochen.

Wenn der Diesel an Bord nicht mehr als stille Reserve bereitsteht, wird aus der Törnplanung eine sehr konkrete Frage der Energie: Wie viel können wir erzeugen, und was dürfen wir uns damit leisten? Laut Practical Boat Owner wollen Dan und Kika Deckert von Sailing Uma Ende Oktober von Europa aus zu einer Weltumsegelung aufbrechen – ohne fossile Brennstoffe für Antrieb, Bordstrom oder Kochen. Für Fahrtensegler ist das weniger eine romantische Elektrogeschichte als ein bemerkenswert praktischer Test: Ein elektrischer Antrieb funktioniert nicht allein durch den Einbau eines Motors, sondern durch die Abstimmung des gesamten Bootes.
Nicht der Motor steht am Anfang, sondern der Energiehaushalt
Die Deckerts haben ihre Pearson 36 aus dem Jahr 1972 über drei Jahre hinweg umfassend umgebaut. Nach Angaben des Magazins erledigten sie die Arbeiten selbst und veränderten sowohl den Innenausbau als auch das Deck. An Bord gibt es demnach weder Dieselmotor noch Generator oder Kochgas. Solarstrom, Batteriespeicher und Hydrogeneration sollen stattdessen alle Systeme versorgen – auch die Satellitenkommunikation über Starlink und Iridium Go!.
Der interessante Perspektivwechsel liegt in der Planung. Üblicherweise wird zunächst der tägliche elektrische Verbrauch berechnet, anschließend die nutzbare Batteriekapazität bestimmt und zuletzt über passende Ladequellen nachgedacht. Bei Sailing Uma läuft die Überlegung in die andere Richtung: Zuerst wird betrachtet, wie viel Energie das Boot zuverlässig erzeugen kann. Daraus ergibt sich, welche Systeme und Gewohnheiten an Bord tatsächlich möglich sind.
Für die eigene Törnplanung ist das eine hilfreiche Denkübung, auch wenn niemand gleich um die Welt segeln möchte. Wer nur die Batteriekapazität vergrößert, ohne die Ladequellen und den realen Verbrauch zu prüfen, verschiebt das Problem meist nur. Sicherheit entsteht nicht durch eine einzelne große Zahl im Datenblatt, sondern durch einen Energieplan, der auch bei wechselndem Wetter, längeren Flauten und zusätzlichem Kommunikationsbedarf nachvollziehbar bleibt.
Drei Jahre Erfahrung statt Versprechen vom Reißbrett
Ganz neu ist der elektrische Weg für Dan und Kika Deckert nicht. Sailing Uma fuhr zunächst mit einem selbstgebauten System aus einem gebrauchten Gabelstapler-Motor, Golfwagenbatterien und Solarpaneelen. Dieses System habe funktioniert, jedoch Grenzen beim Überhitzen und bei der Eignung der Batterien für den vorgesehenen Einsatz gezeigt, berichtet Practical Boat Owner.
2020 installierten die beiden in Norwegen einen Oceanvolt ServoProp 15. Dabei handelt es sich um einen softwaregesteuerten Saildrive mit verstellbarer Propellersteigung, der die Propellerblätter für Antrieb und Energiegewinnung anpassen kann. Der entscheidende Punkt ist die Rekuperation: Unter Segeln kann der Propeller zur Stromerzeugung genutzt werden. Nach den Angaben des Berichts ist Sailing Uma seit dem Einbau offshore nicht mehr ohne Energie gewesen; außerdem erreichte das Boot mit elektrischem Antrieb die Hocharktis und als erstes elektrisches Segelboot Spitzbergen.
Diese Erfahrungen bilden die Grundlage für das geplante nächste Kapitel. Mehr als 30.000 Seemeilen mit elektrischem Motor und mehrere Umbauphasen sind dabei wichtiger als die Schlagzeile vom emissionsfreien Weltumsegler. Sie zeigen vor allem, dass ein solches System als fortlaufender Lernprozess verstanden werden muss: testen, Schwachstellen erkennen, umbauen und die Nutzung des Bootes an die tatsächliche Energieerzeugung anpassen.
Was vor dem Umbau geklärt sein muss
Für ein Fahrtenboot lässt sich daraus eine ruhige, aber wichtige Checkliste ableiten. Vor einer Entscheidung für den Elektroantrieb sollten zunächst die eigenen Verbräuche ehrlich erfasst werden: Antrieb, Navigation, Kühlschrank, Kommunikation und Kochen gehören in dieselbe Rechnung. Danach muss klar sein, welche Ladequellen unter den geplanten Revierbedingungen zuverlässig zur Verfügung stehen. Solarleistung allein ist nicht automatisch eine Reserve, wenn die Schiffsbewegung, Bewölkung oder die verfügbare Fläche an Deck den Ertrag begrenzen.
Ebenso wichtig ist die Frage, ob der Propeller unter Segeln sinnvoll Energie zurückgewinnen kann und welche Auswirkungen das auf die Fahrt unter Segel hat. Die Lösung der Deckerts ist keine fertige Einkaufsliste für jede Yacht. Ihr Beispiel zeigt vielmehr, wie eng Motor, Propeller, Batterien, Solaranlage, Verbrauch und Bordroutine miteinander verbunden sind.
Sailing Uma plant mit diesem über Jahre entwickelten System die Abfahrt Ende Oktober. Ob die Weltumsegelung wie vorgesehen gelingt, ist zum jetzigen Zeitpunkt offen. Für uns an Bord bleibt deshalb vor allem die Vorbereitung lehrreich: Nicht der Wunsch, den Diesel loszuwerden, sollte den Umbau bestimmen, sondern die nüchterne Antwort auf die Frage, welche Energie das eigene Boot unter den erwarteten Bedingungen wirklich erzeugen kann.